Thomas, der Möglichmacher
Am 13. Januar 1962 ist kein einziges weltgeschichtlich dominierendes Ereignis passiert, sagt ChatGPT. Aber was weiss schon die KI. An diesem Tag ist Thomas Hunkeler passiert. Und das Ereignis sollte in den folgenden Jahrzehnten einen grossen Einfluss auf die Menschheit haben.
Wer ist dieser Thomas Hunkeler, der sich jetzt langsam, aber sicher aus dem Berufsleben zurückzieht? Gespräche mit einem halben Dutzend Insidern ergeben ein Bild eines Mannes, der sich in keine Schublade stecken lässt. Ein Chamäleon, mysteriös, und auf eine gewisse Weise unergründlich, aber mit einer ganz klaren Eigenschaft, die von allen bestätigt wird: Thomas ist ein Möglichmacher. Oder auf Neudeutsch: ein Enabler. Ob sie mit ihm Büro oder Blut teilen. Thomas ermutigt Personen in seinem Umfeld stets dazu, das zu tun, was ihr Herz begehrt. Einfach probieren, im Zweifelsfall Ja sagen. «Er spürt gut, wenn Leute für etwas brennen», sagt eine Quelle.
Aufgewachsen in einer Oberkircher Bauernfamilie, entscheidet sich Jung-Thomas für eine KV-Lehre auf der Gemeindeverwaltung Schenkon. Thomas merkt schnell, dass aus ihm nie ein Beamter wird. Lieber flitzt er mit seinem VW Käfer über die Sure hinweg, lässt auch sonst nichts anbrennen. «Ein wilder Kerl», sagt einer, der Geschichten von damals kennt. Da konnte schon mal ein Baum in die Luft fliegen. Als die Achtziger anbrechen, ist die Lehre abgeschlossen, Microsoft und Apple sind Start-ups. Auch am Sempachersee formiert sich in Anlehnung an das Silicon Valley das Computer Valley von Kari Hoppler. Thomas entdeckt die EDV-Branche, wie sie damals hiess. Das innere Feuer ist entfacht. Thomas, mit Schnauz, fängt mit Programmieren an. Er stösst zuerst zu Karis IT-Firmen und gründet 1988 SUrsee COmmunication – die heutige SUCO.
Wer nun meint, der Jungunternehmer ging sparsam zur Sache, irrt. «Das Aktienkapital betrug 750’000 Franken – die Hälfte hat er für USM-Möbel ausgegeben», sagt eine Auskunftsperson. Nur das Feinste vom Feinsten war gut genug. Das geschah aber nicht etwa aus Grossspurigkeit. Es galt, den damals wichtigsten PC-Hersteller IBM zu umgarnen. Wie heute BMW oder Mercedes von ihren Händlern ein stilsicheres Auftreten erwarten, war es damals mit «Big Blue». Und es klappt: SUCO wird IBM-Businesspartner und bleibt es bis heute (nur dass die PC-Sparte von IBM mittlerweile Lenovo gehört).
Die USM-Möbel reissen trotzdem ein Loch in die Kasse. Der Konkurs droht bereits nach kurzer Zeit. Auch, weil sich eine typische Eigenschaft von Thomas zeigt: Grosszügigkeit. Zwei Stunden Support für eine befreundete Firma? Ach, verrechnen wir nicht. Zum Glück hat er Personen in seinem Umfeld, die rechnen können. Also verschickt die SUCO doch noch Rechnungen. Und überlebt. Wer damals mit ihm arbeitete, sagt: «Es war die coolste Zeit, die ich je hatte. Er gab einem Vertrauen, hat nie den Chef rausgehängt. Zusammenschiss gab es nie. Er hat uns immer befähigt.» Das bestätigen auch spätere Mitarbeitende. «Ich muss nicht der Beste sein», sage er stets. Er müsse nur die Besten um sich haben.
Die Grosszügigkeit pflegt er in den Folgejahren weiter. Wenn IBM dank guter Umsätze die SUCO für ein Weekend nach Grindelwald einlädt, gibt er die Tickets an die Belegschaft weiter. Mal fliegt einer nach Dubai und eine andere geht an ein Gratis-Skiweekend. Oder die ganze Belegschaft reist nach London oder Rom. Das Team ist entsprechend glücklich und motiviert. «Ich hatte nie mehr einen Arbeitgeber mit so einem guten Team-Spirit», sagt jemand. SUCO prosperiert, expandiert sogar nach Zug. Thomas pendelt hin und her – «Management by driving».
Es ist die Zeit der Experimente und des Möglichmachens. Thomas erkennt das Potenzial von PC-Schulungen und fängt einfach damit an. Später, als die Nachfrage nachlässt, zieht er den Stecker. Nicht an alten Strukturen festhalten. Wie damals, als er entschied, dass ab sofort im Pausenraum nicht mehr geraucht wird. Sein Wort hat Gewicht.
Und dann passiert das, was auch Steve Jobs bei Apple passiert ist: Thomas wird aus seiner eigenen Firma rausgedrängt. Die Hintergründe bleiben etwas nebulös, Akteure von damals möchten alte Wunden nicht aufreissen. Sicher ist: Ende der Neunzigerjahre gibt Thomas die SUCO in die MTF-Gruppe, die im Zuge des Internethypes einen Börsengang plant. Doch es geht schief. Die Dotcom-Blase platzt. An einer Generalversammlung der MTF auf dem Zürichsee verweigert Thomas dem Verwaltungsrat die Entlastung – als einziger. Er wird zwar nicht von Bord geschmissen, doch es kommt zum Bruch mit den MTF-Oberen. Thomas muss gehen.
Das Ende? Nein. Denn fast die gesamte SUCO-Belegschaft kündigt ebenfalls und gibt Thomas somit Rückendeckung. Für MTF ist die Firma so wertlos. Also wird sie wieder an Thomas zurückverkauft. Wenig später fällt MTF auseinander – während die SUCO voller Elan ins neue Jahrtausend startet. Der Rest ist Geschichte. Oder besser: die Geschichte legendärer Anekdoten wie diese: Einmal machen sich Mäuse breit im SUCO-Sitz im Enterprise. Thomas schnappt sich kurzerhand das Luftgewehr und geht im Büro auf Mäusejagd. «Wir mussten uns in Acht nehmen, nicht angeschossen zu werden», sagt einer, der diese Zeit überlebt hat. Dem Vernehmen nach sollen noch heute Einschusslöcher zu sehen sein.
Legendär sind sein trockener Humor, seine «abgespacten» Ideen und seine bildlichen Metaphern gegenüber Kunden und Mitarbeitende: «Eine tote Sau mästest du auch nicht mehr», oder «Computer sind wie Backsteine». Meist in ruhigem Ton vorgetragen, beim Telefonieren mit überkreuzten Beinen auf dem Pult.
Thomas ist ein Verkaufstalent. Den Kunden konnte er die Wünsche von den Lippen ablesen: «Er hat den Leuten Sachen verkauft, die er noch gar nicht hatte.» Als vor wenigen Jahren ein Kunde für seine Monitore stabile Aufbewahrungsboxen wünschte, ging er kurzerhand zu einem Harassli-Produzenten und liess diese anfertigen. «Wenn es ein Problem gibt, muss man Thomas anrufen und er lässt sich etwas einfallen.»
«Thomas ist immer zu seinen Werten gestanden», sagt ein Insider. «Sein strategisches Denken hat mich immer extrem inspiriert.» Hat er denn gar keine negativen Eigenschaften? Doch, schon auch: Er kann sich wahnsinnig aufregen. Zum Beispiel, wenn jemand (meist ein Aargauer) rückwärts einparkiert. Um die Jahrtausendwende war er ausserdem süchtig nach dem Spiel «Moorhuhn». Er soll die Sucht überwunden haben.
Grundsätzlich soll er «e herte Grend» haben, der Steinbock. Verzweifelt an der Firma festhalten will er aber offensichtlich nicht. «Ich habe den Eindruck, er kann gut loslassen», sagt ein Geschäftspartner. «Er soll jetzt aber nicht eine ruhige Kugel schieben!», wünscht sich einer.
Erste Indizien deuten nicht darauf hin, dass ihm der Elan abhandenkommt. Als er vor einigen Jahren sein Pensum reduzierte, baute er ein Vogelhaus. Einmal hat er sich ein Didgeridoo gekauft. Nach übereinstimmenden Berichten hat er aber nicht wahnsinnig viele Hobbys. Jemand erzählt, eines seiner Hobbys sei es, schöne italienische Autos zu kaufen und nach relativ kurzer Zeit wieder zu verkaufen, nur um hässliche amerikanische Autos zu kaufen. Ein weiteres Hobby sei «sich aufzuregen, wenn die LZ nicht um 6 Uhr im Briefkasten ist». Wandern, oder eher spazieren, gehören auch dazu. Oder Baden und Entspannen auf der Rigi.
Seine Haupteigenschaft bleibt aber das Möglichmachen. Ob im Berufsleben oder als Pensionär und Grossvater. Lieber Thomas, wir danken dir für alles, was du für uns gemacht hast! Machs guet!